Weevil News
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No. 20 |
7 pp. |
11. Juli 2004 |
ISSN 1615-3472
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Germann, Ch. (2004): Entdeckung der potentiellen Wirtspflanze von Acalles anagaensis Stüben 2000 auf Tenerife (España, Islas
Canarias) (Coleoptera: Curculionidae: Cryptorhynchinae). - Weevil News: http://www.curci.de/Inhalt.html, No. 20:
7 pp., CURCULIO-Institute: Mönchengladbach. (ISSN 1615-3472). |
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Entdeckung der
potenziellen
Wirtspflanze von Acalles anagaensis Stüben 2000 auf
Tenerife (España, Islas Canarias)
(Coleoptera: Curculionidae: Cryptorhynchinae)
von
Christoph Germann (Schweiz: Bern)
mit 11 Abbildungen und einer Verbreitungskarte
Abstract
Discovery of the
potential
host plant of Acalles anagaensis Stüben 2000 on
Tenerife (España, Islas Canarias) (Coleoptera: Curculionidae: Cryptorhynchinae).
During an excursion to the Anaga Mountains Canary Islands)
the so far unknown host plant of Acalles
anagaensis Stüben 2000,
Echium strictum L. (Boraginaceae), was
found at the ‘locus
typicus’ of the weevil. Only from this plant species,
feeding was observed. With the discovery of the host plant, further 31 exemplars of
the very narrowly distributed A.
anagaensis could be obtained after description of the species. Up to now, only the
holotype and two paratypes were known.
Keywords
Coleoptera, Curculionidae, Cryptorhynchinae, Acalles anagaensis, Canary Islands, Tenerife, Anaga Mountains,
Boraginaceae, Echium strictum, hHost
plant, endemic species.
Zusammenfassung
Während einer Exkursion auf Tenerife (Kanarische Inseln) konnte die
bisher unbekannte Wirtspflanze von Acalles
anagaensis Stüben 2000 am Locus typicus im Anaga-Gebirge gefunden werden.
Es handelt sich dabei um Echium strictum
L. (Boraginaceae).
Diese Pflanze und weitere Arten der Gattung Echium
wurden noch während der Exkursion auf Fraßspuren von Acalles anagaensis getestet. Die Cryptorhynchine nahm dabei von zwei weiteren getesteten Echium-Arten
ausschließlich die
Wirtspflanze Echium strictum an. Mit
der Entdeckung der Wirtspflanze konnten erstmals seit der Erstbeschreibung
weitere Exemplare (insgesamt 31 Individuen) des sehr kleinräumig verbreiteten Endemiten Acalles anagaensis gefunden werden,
welcher bisher erst in drei Typusexemplaren (Holotypus und 2 Paratypen) vorlag.
Während einer Exkursion von Peter
Stüben (Deutschland: Mönchengladbach) und Christoph Germann (Schweiz: Bern) nach Tenerife vom 19.
Dezember 2003 bis 5. Januar 2004 wurden
besonders die pflanzenspezifischen Bindungen einiger der kanarischen
Cryptorhynchinae genauer untersucht. Es handelt sich dabei um ein zweites,
größeres Forschungsprojekt der „Arbeitsgemeinschaft Acalles“ im CURCULIO-Institut, in dem es in den nächsten Jahren vor
allem um die Biologie, Ökologie und Biogeographie der kanarischen
Cryptorhynchinae gehen soll.
Auf zahlreichen vorangehenden Forschungsreisen der „Arbeitsgemeinschaft Acalles“ in den Jahren 1997 bis 1999
wurden neben systematischen Fragestellungen bereits viele Wirtspflanzen
ermittelt, und das
breite Spektrum der Wirtspflanzenfamilien und Pflanzeninhaltstoffe wurde
dokumentiert [Stüben 2000e][Sprick & Stüben 2000]. Ich konnte mit Peter
Stüben bei Las Bodegas im östlichen Anaga-Gebirge Tenerifes [Fig. 3] [Fig. 4] im
Fall des Acalles anagaensis [Fig. 2] eine gewichtige neue Gruppe von Wirtspflanzen
ausmachen. Bei der Wirtspflanze handelt es sich um Echium strictum [Fig. 1] [Fig. 6], einen Vertreter der Borretsch- oder Raublattgewächse
(Boraginaceae). Diese Pflanzenfamilie zeigt auf den Kanarischen Inseln
besonders in der Gattung Echium eine starke Radiation. Diese
Wirtspflanze und weitere Echium-Arten
wurden noch während der Exkursion in Fraßversuchen durch Acalles anagaensis [Fig. 2]
getestet. Die Umstände der Entdeckung werden nachfolgend beschrieben, und weiterführende
Konsequenzen werden diskutiert.
Acalles anagaensis wurde vom
27.12.1997 bis zum 5.1.1999 lediglich in drei Exemplaren im äußersten Osten des
Anaga-Gebirge (derivatio
nominis) auf Tenerife gefunden. Die genauen Fundortangaben sind: „España,
Tenerife, Anaga-Gebirge, Lomo de las Bodegas, 600 m, 5.1.1999, leg. Stüben
(27)“ (Locus typicus) sowie: „España, Tenerife, Anaga-Gebirge (Ost), nördlich
von Chamorga, 450 m, geklopft, 27.12.1997, leg. Stüben & Bahr (8)“ (Fundort
der Paratypen).
Die Tiere wurden damals alle durch
Abklopfen der Vegetation des thermophilen Buschwaldes erhalten. Trotz
intensiven Klopfens konnten damals keine weiteren Exemplare der Art gefunden
werden. Dazu stellt Stüben in der Erstbeschreibung der Art fest:
„Differentialdiagnose und Bionomie
Die neue Art wurde im östlichen Anaga-Gebirge Tenerifes zwischen 500-600 m Höhe
eines eng begrenzten Raums um Charmorga und Lomo de Las Bodegas aus dem dort
weit hinaufsteigenden Sukkulentenbusch - im Übergang zu den ehemals
thermophilen Buschwäldern - geklopft [Fig. 22.20].
Die thermophilen Buschwälder, die weitgehend ein Opfer des historischen
Holzeinschlages und der agrarischen Zersiedlung wurden, zählen mit den
Lorbeerwäldern zur thermokanarischen Stufe und könnten das Habitat von Acalles anagaensis bilden. Bei den
wenigen Exemplaren (1M, 2FF), die ich aus einer dichten Kleinia-Euphorbia-Pflanzengesellschaft
klopfte, war es nicht möglich, die genaue Wirtspflanzenbindung festzustellen.
Obwohl diese Art viele Gemeinsamkeiten (insbesondere die blasenförmigen, schwach
sklerotisierten Strukturen oberhalb der parallelen Stammstruktur des
Innensacks) mit den Laurisilva-Arten um Acalles
instabilis und vor allem um Acalles
sigma aufweist, stelle ich diese Art vorläufig jedoch in die euphorbiacus-Gruppe.
Von den Arten des Laurisilva trennt sie die schlanke, annähernd parallelseitige
Elytrenform, der auffällig samt-schwarze dreieckige Makel auf dem
Elytren-Absturz, die deutlich kürzeren Beine und der dickere und kürzere Rüssel
der MM. Tenerife-Endemit.“ [Stüben 2000e: 82]
Bei den Funden während der aktuellen
Exkursion wurde wiederum mit dem Klopfschirm gearbeitet, und auch diesmal wurde
das dichte Kraut- und Buschwerk inmitten der Gärten des kleinen Dorfes Las
Bodegas abgeklopft [Fig. 3] [Fig. 5]. Die Vegetationszusammensetzung ist dort stark
anthropogen geprägt. Einzelne Laurus
azorica (Seub.)
Franco und Ilex canariensis Poir. standen als Reste des Lorbeerwaldes zwischen
kultivierten Prunus spp. und vor
allem südseitig zunehmenden Kleinia
neriifolia und dem
Neophyten Opuntia ficus-indica (L.)
Mill. [Fig. 5]. Vereinzelt wuchsen nordseitig Sonchus acaulis Dum. &
Cours. und erstaunlich große Bestände von Echium strictum. Überall überwucherten
die auf den Kanaren endemische Zaunrübe (Bryonia
verrucosa Dryand) und die ebenfalls endemische, sehr großblättrige Brombeere (Rubus bollei Focke) die Vegetation.
Die erste Begehung des Gebietes fand
am 26.12.2003 statt. Es wurden diverse Sträucher und krautige Pflanzen des
Nachts von 22.00 bis 23.00 Uhr abgeklopft. Während des Sammelns herrschte
trockene Witterung, teilweise bewölkt mit schwachem bis mäßigem Wind. Es konnten
11 Tiere gefunden werden.
Die zweite Begehung erfolgte am
29.12.2003. Diesmal wurde dasselbe Gebiet bereits viel früher besammelt: von
19.15 bis 20.50 Uhr. Diesmal hatte es kurz zuvor etwas geregnet, der Himmel war
bedeckt, und es hatte ein böiger Wind eingesetzt. Weitere 20 Tiere wurden
gefunden.
Beim zufälligen Abklopfen der
Vegetation während der ersten Begehung fand ich die ersten zwei Exemplare von Acalles anagaensis [Fig. 2]. Dieser Erfolg ließ uns nun strikt selektiv vorgehen. Pflanze
für Pflanze wurde nun die Vegetation abgeklopft, bis ich von einer etwa 1 Meter
hohen, verholzten Echium strictum-Staude
[Fig. 1] [Fig. 5]
[Fig. 6] gleich fünf (!) weitere Acalles anagaensis fand. Dies konnte
kein Zufall sein, wenn man die doch sehr kleine Typenserie von drei Tieren beim
Entdecken der Art bedenkt und das trotz intensiven Suchens! Von derselben
Staude konnten weitere Tiere geklopft werden. Nach diesen Funden schaute ich
mir das Echium genauer an, und konnte
einige abgestorbene, hohle Äste ausmachen [Fig. 5].
Da sich Cryptorynchinae allgemein bei Erschütterung schnell fallen lassen, darf
vermutet werden, dass sich die Tiere, welche ständig neu von derselben
abgeklopften Pflanze fielen, in eben diesen abgestorbenen Ästen aufhielten.
Dieses Rückzugsverhalten ist vor allem tagsüber bezeichnend für
Cryptorhynchinae.
Nur am Locus typicus von Acalles anagaensis konnte Mogulones
pseudopollinarius (Lindberg 1950) (Curculionidae, Ceuthorhynchinae) [Fig. 7] gleichfalls ausschließlich an Echium
strictum im Anaga-Gebirge gefunden werden. Von diesem Ceuthorhynchinen konnte im Innern eines frischen Astes der Pflanze eine
vermutlich zugehörige Larve gefunden werden. Weiter konnte Graptus magnificus (Wollaston, 1864) (Curculionidae: Entiminae:
Alophini) in Anzahl geklopft werden. [Fig. 8] Diese Art scheint jedoch nicht auf Echium spezialisiert zu sein, so wurde
dieser auffällige Rüsselkäfer auch u.a. von Sonchus
acaulis nachts geklopft.
Die Gattung Echium
ist auf den Kanarischen Inseln mit beachtlichen 23 Arten vertreten [Werner
& Lüpnitz 2001]. Echium plantagineum
L. ist die einzige nicht-endemische Art der Gattung Makaronesiens. Von Echium strictum, welches auf allen Inseln
außer Lanzarote und
Fuerteventura verbreitet ist, wurden bisher 2 Unterarten beschrieben: E. strictum exasperatum (Webb ex Coincy)
auf Teneriffa und E. strictum gomerae
(Pit.) Bramwell auf La Gomera. [www.gobiernodecanarias.org/medioambiente/biodiversidad/ceplam/bancodatos/listaterrestre.html]
Echium strictum wächst strauchig
und besitzt Blätter mesomorphen Typs [Werner & Lüpnitz 2001], was bereits
auf eine Adaptation
an gemäßigte
Mikroklimata schließen
lässt. E. strictum bevorzugt
beschattete Lagen und kann vor allem nordseitig gefunden werden. Nach Werner
& Lüpnitz kann E. strictum keiner
Höhenstufe zugeordnet werden [Werner & Lüpnitz 2001]. So reicht die
vertikale Verbreitung von der unteren xerophytischen Zone bis in den
Laurisilva. Eine Präferenz zwischen der oberen xerophytischen Zone (500-900 m ü. NN) und der
unteren Übergangszone (500-600 m ü. NN) ist jedoch erkennbar. Besonders
starke Bestände können in Lücken des Laurisilva gefunden werden. Dies konnte
während mehrerer Begehungen der Wälder im Anaga-Gebiet festgestellt werden.
Auch in der gängigen Literatur wird auf solche Standorte verwiesen: „Frische
und schattige Felsen, Sukkulentenbusch und Waldgebiete.“[Schönfelder, 1997], und auf La Palma ist Echium strictum ein typisches Element
der Felsenvegetation der niederen Lorbeerwaldstufe [Santos, 1983].
In der Familie der Boraginaceae und
spezifisch in Echium sind Allantoin,
verschiedene Gerb-
und Schleimstoffe, sowie Pyrrolizidinalkaloide
nachgewiesen [Schaffner et al. 1996]. Die letztgenannte Stoffklasse kommt auch in Kleinia
neriifolia Haw. (Asteraceae) vor, der Wirtspflanze von Acalles argillosus Boheman 1837! Pyrrolizidinalkaloide gelten als
starke Insekten-und Wirbeltiertoxine [Sprick & Stüben 2000].
Pyrrolizidinalkaloide werden in der Leber in Metabolite umgewandelt, die
irreversibel mit DNA und anderen Makromolekülen reagieren und zu einer
kumulativen Schädigung der Leberzellen führen. Die letale Dosis (LD50 bei
Ratte) von
Echinatin beträgt 350 mg/kg Körpergewicht [Cheeke et al. 1985].
Pyrrolizidinalkaloide sind typische pflanzliche Sekundärstoffe, die von der
Pflanze zur Verteidigung gegen Herbivore gebildet werden. Ihr Vorkommen
beschränkt sich auf die Angiospermen, wo sie in relativ wenigen Familien vorhanden sind, die in
keiner engeren
verwandtschaftlichen Beziehung zueinander stehen (u.a. Asteraceae,
Boraginaceae, Fabaceae) [Roth et al. 1994].
Mit den gefundenen Tieren wurden auch einige Triebe
der vermuteten Wirtspflanze Echium
strictum mitgenommen. Diese wurden Acalles
anagaensis als Futter vorgesetzt. Nach der ersten Nacht konnte bereits der
für Cryptorhynchinae typische Lochfraß (Stüben 2000d, 2003e 2004] an den
Blättern beobachtet werden. Um die spezifische Bindung an E. strictum zu untermauern, wurden auch Blätter der in ähnlichen
Habitaten vorkommenden Echium-Arten Echium giganteum L. und
Echium leucophaeum Webb ex Sprague & Hutch angeboten [Fig. 9].
Diese Pflanzen wurden nicht angefressen. Auch bei ausschließlicher Fütterung durch
die beiden letzteren Echium-Arten
während zwei Tagen wurde kein Fraß beobachtet.
Während einer weiteren Exkursion in den äußersten Nordwesten von
Teneriffa in das Gebiet der tief eingeschnittenen Täler um Masca wurden von mehreren Echium strictum-Pflanzen Triebe mitgenommen.
Diese wurden wiederum auf Fraß getestet. Die Pflanzen wurden angenommen
und dienten trocken bis Ende Februar 2004 als Futter der
im Insektarium gehaltenen Acalles
anagaensis - Exemplare.
Die hoch abgeleitete, komplexe
doppelte (pilzförmige!) Innensackstruktur von Acalles anagaensis [Fig. 10] lässt
morphologisch auf eine Verwandtschaft mit Acalles-Arten
des Laurisilva um Acalles instabilis,
Acalles sigma, Acalles fortunatus, Acalles. ruteri und Arten des Sukkulentenbuschs (auf Euphorbia spp.) um A.
euphorbiacus, A. poneli und A. brevitarsis schließen. [Fig. 11][Fig. 12] Die Bindung der Sukkulentenbusch-Art Acalles poneli an Euphorbia konnte während der aktuellen Exkursion bestätigt und
sogar präzisiert werden [Stüben 2004g]. (So wurde Acalles poneli auf Euphorbia
balsamifera Ait. und vor allem Euphorbia
atropurpurea (Brouss.)
W. & B. gefunden, nicht jedoch an der bisher genannten Euphorbia
obtusifolia Poir, wie es die Angaben von Philippe Ponel zum Fundort der Art
nahe gelegt hatten [Stüben 2000e]).
Aufgrund des Habitus stellte Stüben die Art
jedoch in die Acalles euphorbiacus-Gruppe:
„Obwohl
diese Art viele Gemeinsamkeiten (insbesondere die blasenförmigen, schwach
sklerotisierten Strukturen oberhalb der parallelen Stammstruktur des Innensacks
[Fig. 12]) mit den
Laurisilva-Arten um Acalles instabilis
und vor allem um Acalles sigma aufweist, stelle ich diese
Art vorläufig jedoch in die euphorbiacus-Gruppe.“
[Stüben 2000e: 82]
Das ist interessant, denn in seiner
„Phylogenie
der endemischen Taxa des Genus Acalles von
den Kanarischen Inseln“ schreibt er über diese Gruppe:
„Interessant
bleibt die Stellung der Sukkulentenbusch-Art Acalles euphorbiacus im phylogenetischen System und - insgesamt -
die evolutive Einnischung der Acalles
euphorbiacus-Gruppe in den oberen Sukkulentenbusch. Die vier Arten dieser
Gruppe (Acalles poneli, Acalles
brevitarsis, Acalles euphorbiacus und Acalles
anagaensis – der Verfasser) besitzen wie die meisten Laurisilva-Arten eine
komplexe, doppelte
Innensackstruktur; nach der hier vorgeschlagenen Leserichtung eine Apomorphie.
Dabei galt es für die Taxa dieser Gruppe, eine hohe Hürde zu nehmen: die
insektentoxischen Substanzen der Euphorbiaceae [Sprick & Stüben 2000]. Ich
sehe daher in diesem Artenkomplex eine Rückbesiedlungsgruppe
aus dem Laurisilva in den oberen
Sukkulentenbusch.“ [Stüben 2000k] Diese Einordnung findet sich dann auch im
Stammbaum seiner intragenerischen Gliederung der Gattung Acalles von den Kanarischen Inseln wieder: [Fig. 11] [Stüben 2000k: 291]
Die große Menge (31 Tiere) an gefundenen Exemplaren
von Acalles anagaensis, erhalten nur
durch selektives Abklopfen von Echium
strictum, zeigt eine
deutliche Präferenz für diese Pflanze.
Die durchgeführten, erfolgreichen Fraßtests an E.
strictum zeigten, dass sich A.
anagaensis von der Pflanze ernähren kann. Das Auswählen von E. strictum-Blättern unter den Blättern
anderer Echium-Arten ließ eine Monophagie an
dieser Pflanze als wahrscheinlich erscheinen. Obwohl noch keine Zucht des
Rüsselkäfers an dieser Pflanze durchgeführt wurde, kann mit einiger Gewissheit Echium strictum als potentielle
Wirtspflanze von Acalles anagaensis
geführt werden. Durch den Fraßtest mit E.
strictum von Masca im westlichsten Teno-Gebiet Tenerifes [Fig. 4] konnte weiter gezeigt werden, dass auch diese
Pflanzen als Fraßpflanzen
in Frage kämen. Ich wollte damit ausschließen, dass potentielle lokale Unterschiede der
E. strictum-Pflanzen bestehen, welche
die extrem kleinräumige Verbreitung von Acalles anagaensis erklären
könnten. Solche kleinräumigen intraspezifischen Unterschiede innerhalb der
Gattung Echium wurden anhand
der Blattanatomie von Werner & Lüpnitz an mehreren Arten Tenerifes
aufgezeigt [Werner & Lüpnitz 2001]. Zumindest bei der Imago scheint diese
Beeinflussung nicht gegeben zu sein. Somit müssen die Gründe am Locus typicus
zu finden sein. Das Gebiet des Anaga-Gebirges nimmt auf Teneriffa eine
Sonderstellung hinsichtlich des Alters ein. Mit 16 Millionen Jahren [Stüben
2000b] ist das Anaga-Massiv die älteste „Insel“ der Kanarischen Inseln überhaupt. Das
Teno-Gebiet Teneriffas wird mit „nur“ 5-7 Millionen Jahren datiert. Erst „spät“
bildete sich also die heutige Insel Teneriffa. Die einzigartige Isolation des
Anaga-Gebirges zeigt sich in weiteren endemischen Coleopteren [Stüben 2000b],
[Machado 1992]. Eine gute Erklärung für die geographische Isolation ist damit
gefunden.
Doch wie erklärt sich die Bindung
dieses Acalles an Echium strictum, einer Wirtspflanze aus
einer Pflanzenfamilie, die bisher völlig unbekannt für Cryptorhynchinae war? Das Echium wächst bevorzugt auf Lichtungen
des Laurisilva. Auch wurde Acalles
anagaensis nur in der unteren Laurisilva-Stufe im Übergang zum thermophilen
Buschwald bei Lomo de las Bodegas an Echium
strictum gefunden [Fig. 3]. Die Vermutung
liegt nahe, dass Acalles anagaensis
als Vertreter der Acalles des
Laurisilva das krautig-verholzende Echium
besiedelt hat. Die feucht-kühlen Bedingungen
der Pflanzenstandorte bei Lomo de las Bodegas entsprechen dem Klima des
Laurisilva. Was ebenfalls eher in Richtung einer Besiedlung des
krautig-verholzenden Echium seitens
der Laurisilva-Arten weist, ist die Pflanze selbst. Die Arten der genannten Acalles
euphorbiacus-Gruppe leben alle an Euphorbiaceae, also im Sukkulentenbusch.
Mit Acalles anagaensis kann die
Hypothese der Rückbesiedlung des Sukkuentenbuschs (siehe Systematik) weiter
gestützt werden. Die Besiedlung des krautigen Echium strictum vom Laurisilva bis in die untere Übergangszone
dürfte einer der ersten Schritte gewesen sein, die tiefer gelegenen, ursprünglichen
Habitate und Pflanzen im Sukkulentenbusch wieder zu besiedeln. Die
„Wiederbesiedlung“ ist so gemeint, dass die Erstbesiedler unter den Acalles-Arten
Sukkulentenbusch-Arten waren, die als erste übers offene Meer die kargen, noch
„lebensfeindlichen“ Vulkaninseln erreicht haben. Die hoch abgeleiteten
Laurisilva-Arten entstanden erst viel später [Fig. 11].
[Stüben 2000j]
Um trotz der hochtoxischen
Inhaltsstoffe (Pyrrolizidinalkaloide) sich an Echium
entwickeln zu können, darf angenommen werden, dass die Larven eine
Vermeidungsstrategie anwenden, wie dies Sprick & Stüben zeigen konnten
[Sprick & Stüben 2000]. Mit dieser Toxizitäts-Vermeidung ist gemeint, dass
die Käfer genau erkennen
können müssen, wann in geschwächten, bzw. in den im Absterben begriffenen
Pflanzenteilen der Nachschub an toxischen Pflanzeninhaltstoffen aussetzt, um
dann noch vor der totalen Verrottung der Pflanze ihren Larven günstige (giftfreie und
noch nährstoffreiche) Entwicklungsbedingungen bieten zu können. Es darf sogar
angenommen werden, dass nicht nur passiv solche Gelegenheiten ausgenutzt
werden, sondern dass sich die Tiere aktiv an der Vorbereitung solcher
„Entwicklungsstätten“ beteiligen. Die Klärung solch spannender Verhaltensweisen
wird Ziel von weiteren Zuchtexperimenten der AG -Acalles
sein.
Ich danke Peter Stüben ganz herzlich
für die gemeinsame Kanarenexkursion, welche mir weitere faszinierende Einblicke
in die Welt Makaronesiens ermöglicht hat. Antonio Machado und Peter Sprick
danke ich herzlich für ihre Auskünfte.
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Stüben, P.E. (2000b): (Ed.), Die Cryptorhynchinae der Kanarischen Inseln.
Systematik, Faunistik, Ökologie und Biologie. - SNUDEBILLER 1 (CD ROM);
mit 910 Farbfotos, 266 REM-Aufnahmen, 118 Verbreitungskarten, 18 Ton- u. 1
Video-Aufnahme, 1. Edition, CURCULIO-Institute, D-Mönchengladbach: 413 pp. (662 MB).
Stüben, P.E. (2000e): Die Arten des Genus Acalles von den
Kanarischen Inseln. - Cryptorhynchinae-Studie 5 - in: Stüben, P.E. (2000b),
SNUDEBILLER 1 (CD ROM): 22-98, Mönchengladbach.
Stüben, P.E. (2000j): Biogeographie und Evolution
der kanarischen Cryptorhynchinae. - Cryptorhynchinae-Studie 10 - in: Stüben,
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